Mehr erleben, als denken: Ein (Rück-)Weg zu klarer Wahrnehmung

Dieser Blogeintrag gibt einen kurzen und klaren Einblick in die Grundlagen der Prozessarbeit meiner Praxis. (Lesezeit: ca. 5 Minuten)

Als Kind wirkt die Welt für uns frei und offen – weil wir frei und offen sind

Kein Mensch beginnt bei null.
Wir kommen in eine Welt, die voller Inhalte ist – Dinge, Menschen, Sprache, Erfahrungen, Erkenntnisse und Vorstellungen darüber, wie die Welt und wir funktionieren.

Als Kinder saugen wir diese Erfahrungen und Deutungen der Welt ganz selbstverständlich auf, wie ein Schwamm. Wir lernen, wie man Dinge einordnet, wie man sich selbst versteht und wie die Welt funktioniert. Das geschieht aus einer natürlichen Offenheit heraus. Es ist ein gesunder Prozess, durch den wir lernen, uns in der Welt zu orientieren.

Werden wir älter, passiert normalerweise etwas sehr Wesentliches:
Wir gleichen das, was wir übernommen haben, immer wieder mit dem ab, was wir selbst erleben. Schritt für Schritt entsteht so ein eigenes Verständnis der Welt. Übernommene Sichtweisen werden vielleicht etwas angepasst, verändert oder auch ganz losgelassen. Unser diesbezügliches Regulationssystem ist von Grund auf natürlich, beweglich und dynamisch. Es korrigiert sich ständig selbst.

Wenn wir auf einmal beginnen, unsere eigenen Sichtweisen der Welt zu entwickeln, sprengen wir den bisherigen Rahmen, in dem wir uns bis dahin bewegt haben. Das bedeutet: Wir sind in der Pubertät. Durch unsere selbst entwickelten Sichtweisen entsteht mit der Zeit unsere Identität.

Wie bereits erwähnt, ist unser System, das unsere Sichtweisen der Welt mit dem abgleicht, was wir wahrnehmen, beweglich und dynamisch. Diese Beweglichkeit muss jedoch nicht immer vollständig erhalten bleiben. Manche Erfahrungen können als überfordernd erlebt werden, da wir in dem Moment, in dem wir sie erleben, glauben, nicht in der Lage zu sein, angemessen auf die Umstände reagieren zu können. Es wirkt zu viel, zu plötzlich, zu intensiv. In solchen Momenten reagiert unser System mit einem Schutz: Wir hören auf zu spüren. Wir speichern die Körpererinnerung sozusagen „ab“, ohne sie zu verarbeiten, zu reflektieren und zu integrieren.

Das ist kein Fehler. Es ist eine sehr sinnvolle Reaktion. Unser System stellt die Verarbeitung sozusagen zurück, bis genügend Ressourcen zur Verfügung stehen. Eine weitere Folge ist:
Der Zugang zur ganzheitlichen Erfahrung geht verloren – während die Reaktionen darauf unbewusst bestehen bleiben.

Schutz bewahrt – spart Energie und sichert das Überleben, aber macht auch träge.

So kann es passieren, dass jemand stark reagiert, ohne genau zu wissen, warum. Oder dass bestimmte Situationen gemieden werden, ohne dass der Zusammenhang noch bewusst ist. Es entstehen gewissermaßen Signale unseres Systems, die uns zeigen, wo noch unverarbeitete Informationen über die Welt abgespeichert sind. Wir werden also indirekt dazu aufgefordert, einen Zugang zu finden.

Denn solange dieser Zugang fehlt, kann die natürliche Regulation nicht mehr vollständig stattfinden. Neue Erfahrungen kommen zwar hinzu, aber sie werden nicht mehr unbedingt vollständig passend eingeordnet. Teile der Wirklichkeit sind ausgeblendet, andere dadurch überbetont.

Im Extremfall führt diese nicht mehr vollständig funktionierende Einordnung von Erfahrungen nach und nach zu einem inneren Modell, das nicht mehr gut mit der tatsächlichen Wirklichkeit übereinstimmt – dies geht meist mit psychosomatischen oder psychischen Symptomen einher. Selbst kann man es sich oft nicht ganz erklären: Man bemüht sich, Dinge zu verändern – und stößt doch an Grenzen, die sich scheinbar nicht erklären lassen.

Die Symptome selbst sind dabei nicht das eigentliche Problem.
Sie sind Signale. Sie zeigen, dass das eigene Bild von der Welt an bestimmten Stellen nicht mehr passt. Und genau hier liegt die Chance.

Klarheit heißt zu erkennen, dass wir auch falsch liegen könnten

Nicht in Form eines plötzlichen, dramatischen Umbruchs, sondern eher still.
Vielleicht kommt es zu einem kurzen Moment der Irritation. Ein leiser Zweifel. Das Gefühl, dass etwas vielleicht nicht ganz stimmig ist.

Solche Momente können einem zeigen: „Vielleicht ist das, was ich bisher über mich oder die Welt gedacht habe, nicht die ganze Wirklichkeit.“

Exakt an diesem Punkt öffnet sich ein Raum. Denn die Welt, in der wir leben, zeichnet sich durch eine hohe Komplexität aus. Die Möglichkeiten, sie zu interpretieren, sind praktisch unendlich.

Manche Wege beschreitet man gut zu zweit

Man kann wieder Zugang finden. Zugang zu dem, was vorher nicht zugänglich schien, aber immer da war.
Zu Inhalten, die abgespalten wurden, zu Erinnerungen an Empfindungen, von denen man sich wünschte, man hätte sie nie gespürt. Das klingt intensiv – und das ist es auch. Gerade deshalb kann es so kraftvoll sein: Es kann dabei helfen, eigene Reaktionen, die bisher unverständlich erschienen, auf einmal zu begreifen.

Dieser Prozess geschieht durch ein Bewusstwerden, d. h. durch das Wahrnehmen von:

  • was gerade gefühlt wird.

  • wie wir uns dabei fühlen.

  • in welche Situation wir dadurch geraten.

  • wie wir diese Situation verändern können.

Mit der Zeit können sich dadurch Dinge verschieben. Wenn weniger ausgeblendet werden muss, entsteht Raum für neue Lebendigkeit. Enttäuschungen verlieren ihre scheinbare Härte. Die Schmerzen, die wir nicht fühlen wollten, werden wahrgenommen und vergehen wieder, da sie nun endlich ins System integriert werden können.

Je mehr uns bewusst sein darf, desto klarer und schärfer wird unsere Wahrnehmung. Je klarer unsere Wahrnehmung ist, desto stimmiger wird unser Handeln. Je stimmiger unser Handeln ist, desto zufriedener und glücklicher können wir sein.

Die Wirklichkeit ist größer als das, was wir über sie denken.

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