10 Dinge, die unserer Psyche guttun – und die moderne Welt uns erstaunlich schwer macht
Wir messen unsere Schritte, optimieren unseren Schlaf, beantworten Nachrichten beim Essen und überlegen beim Spaziergang schon, was wir später posten könnten.
Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Zahlen helfen uns. Smartphones helfen uns. Planung hilft uns. Unser analytisches Denken ist eine unserer größten Stärken.
Das Problem beginnt, wenn aus einem hilfreichen Werkzeug eine Lebensweise wird.
Denn unser Gehirn ist nicht nur dafür gemacht, Probleme zu lösen. Es braucht auch Phasen, in denen wir wahrnehmen, spielen, uns verbinden, abschweifen, fühlen und Dinge tun, die keinen messbaren Nutzen haben.
Der Psychiater Iain McGilchrist hat daraus eine weitreichende Theorie über unsere moderne Kultur entwickelt. Ähnliche Gedanken findet man – aus einer völlig anderen Richtung – bei Erich Fromm und anderen Vertretern der Frankfurter Schule: Der moderne Mensch könne so sehr mit Funktionieren, Kontrollieren und Optimieren beschäftigt sein, dass ihm dabei die unmittelbare Beziehung zu sich selbst, anderen Menschen und seiner Umwelt verloren geht.
Man muss diesen großen Theorien nicht zustimmen, um eine interessante Beobachtung ernst zu nehmen: Viele Erkenntnisse der heutigen Psychologie und Neurowissenschaft weisen darauf hin, dass Aufmerksamkeit, Motivation und Wohlbefinden tatsächlich leiden können, wenn unser Alltag nur noch aus Reizen, Zielen, Bewertungen und Optimierung besteht.
Was können wir daraus praktisch machen? (Lesezeit ca. 10 Minuten)
1. Tue Dinge, bei denen der Zweck die Tätigkeit selbst ist
Wann hast du zuletzt etwas gemacht, einfach weil es sich währenddessen gut angefühlt hat?
Nicht danach.
Nicht wegen des Ergebnisses.
Währenddessen.
Das kann Kochen sein. Tanzen. Gärtnern. Zeichnen. Fußball. Musik. Handwerk. Spielen.
Zweckloses Handeln ist spielerisch
Das klingt banal, ist aber in einer auf Ziele ausgerichteten Kultur erstaunlich ungewohnt.
Wir laufen, um fitter zu werden.
Wir lesen, um uns weiterzubilden.
Wir meditieren, um produktiver zu sein.
Wir pflegen Kontakte, weil „Networking“ wichtig ist.
Selbst Freizeit bekommt plötzlich einen Zweck.
Dabei ist unser Belohnungssystem nicht ausschließlich auf zukünftige Ziele ausgerichtet. Die Forschung unterscheidet zwischen dem Drang, etwas zu bekommen – dem sogenannten „wanting“ – und dem tatsächlichen Genuss einer Erfahrung, dem „liking“.
Wir können also ständig auf die nächste Belohnung zulaufen, ohne das, was gerade geschieht, besonders intensiv zu genießen.
Dazu passt die Forschung zum sogenannten Savoring – dem bewussten Auskosten positiver Erlebnisse.
Der praktische Trick ist simpel:
Wenn etwas schön ist, eile nicht sofort zum Nächsten.
Bleib zehn Sekunden länger dabei.
Schmecke.
Höre.
Schau.
Spüre.
Mach nicht sofort ein Foto.
Denk nicht sofort darüber nach, wie du den Moment wiederholen kannst.
Unser Gehirn ist hervorragend darin, nach der nächsten Belohnung zu suchen.
Manchmal müssen wir ihm helfen, die gegenwärtige überhaupt zu bemerken.
2. Trainiere den Satz: „Ich weiß es nicht – und vielleicht irre ich mich“
Unser Gehirn mag Gewissheit.
Eine eindeutige Erklärung fühlt sich angenehmer an als fünf widersprüchliche Möglichkeiten.
Deshalb entscheiden wir oft sehr früh, was wir von einem Menschen, einem politischen Thema, einem Konflikt oder einer schwierigen Situation halten.
Und sobald wir uns entschieden haben, passiert etwas sehr Menschliches:
Wir suchen leichter nach Informationen, die unsere Sicht bestätigen.
Widersprechende Informationen fühlen sich dagegen unangenehm an.
Eine wichtige Fähigkeit unseres Gehirns ist jedoch kognitive Flexibilität: Denken und Verhalten an neue Informationen und veränderte Bedingungen anzupassen.
Dazu gehört mehr als der Satz:
„Ich weiß es noch nicht.“
Noch anspruchsvoller ist:
„Ich könnte mich irren.“
Das klingt selbstverständlich. In der Praxis ist es schwer.
Denn eine Meinung ist häufig nicht nur eine Meinung. Sie kann Teil unserer Identität werden.
„Ich weiß, dass ich nichts weiß.” – Sokrates
Wenn ich mich für klug halte, kann es unangenehm sein zuzugeben, dass ich etwas falsch verstanden habe.
Wenn eine politische Überzeugung Teil meiner sozialen Gruppe geworden ist, kann eine Meinungsänderung sich fast wie Illoyalität anfühlen.
Wenn ich eine Entscheidung jahrelang verteidigt habe, fällt es schwer zu sagen:
„Ich lag falsch.“
Aber genau diese Fähigkeit ist ein Zeichen geistiger Beweglichkeit.
Eine gute Übung besteht darin, bei wichtigen Überzeugungen gelegentlich zu fragen:
„Welche Information würde mich dazu bringen, meine Meinung zu ändern?“
Wenn die ehrliche Antwort lautet „keine“, dann haben wir möglicherweise keine überprüfbare Überzeugung mehr, sondern ein Dogma.
Eine zweite Übung:
Versuche die Gegenposition so gut zu formulieren, dass jemand, der sie vertritt, sagen würde:
„Ja, genau das ist mein Argument.“
Erst dann widersprich.
Vielleicht war die Person unhöflich.
Vielleicht hattest du selbst einen schlechten Tag.
Vielleicht ist deine Idee gut.
Vielleicht übersiehst du etwas Entscheidendes.
Vielleicht hast du recht.
Vielleicht nur teilweise.
Und manchmal lautet die erwachsenste Antwort schlicht:
„Ich habe mich geirrt.“
Das ist kein Verlust von Intelligenz.
Im Gegenteil: Ein Gehirn, das Fehler korrigieren kann, ist nützlicher als eines, das seine früheste Erklärung um jeden Preis verteidigt.
In einer Welt, in der fast jeder sofort eine Meinung haben soll, sind Nichtwissen, Zweifel und Korrekturfähigkeit Formen geistiger Unabhängigkeit.
3. Behandle dich nicht wie ein Unternehmen
Wir haben gelernt, Firmenbegriffe auf uns selbst anzuwenden.
Wir investieren in unser Humankapital.
Optimieren unsere Performance.
Pflegen unsere Personal Brand.
Steigern unsere Produktivität.
Und auf Plattformen wie LinkedIn verschwimmt die Grenze zwischen Person und Produkt besonders leicht.
Dort präsentieren wir nicht einfach, was wir beruflich machen. Wir präsentieren uns zunehmend selbst als berufliches Angebot.
Die eigene Biografie wird zur Story.
Eine Weiterbildung zum Investment.
Kontakte werden zum Netzwerk.
Persönlichkeit wird zur Marke.
Erfolge werden zu Content.
Was gesellschaftlich als Erfolg gilt, kann persönlich ein Misserfolg sein.
Selbst Rückschläge lassen sich noch als inspirierende „Learning Journey“ vermarkten.
Natürlich ist daran nicht automatisch etwas falsch. LinkedIn kann beruflich enorm nützlich sein.
Interessant wird es dort, wo die Logik der Plattform in unser Selbstbild wandert.
Dann fragen wir nicht mehr nur:
„Was möchte ich tun?“
sondern:
„Wie wirkt das in meinem Profil?“
Wenn jeder Lebensbereich zum Projekt wird, kann sogar Freizeit zur Aufgabe werden:
Meditation muss die Konzentration erhöhen.
Joggen muss die Leistung steigern.
Lesen muss der Weiterbildung dienen.
Ein Hobby sollte irgendwann Geld verdienen.
Ein Urlaub wird zur Gelegenheit für Content.
Ein interessantes Gespräch wird zu Networking.
Aus psychologischer Sicht ist das problematisch, weil Motivation nicht ausschließlich von Belohnung und Leistungsdruck lebt. Selbstbestimmte Motivation entsteht eher, wenn wir etwas aus Interesse, persönlicher Überzeugung oder echter Freude tun.
Versuch deshalb gelegentlich etwas ausgesprochen Unproduktives.
Lies einen Roman, aus dem du nichts „mitnehmen“ musst.
Koche etwas, obwohl Bestellen schneller wäre.
Lerne ein Instrument, obwohl du niemals damit auftreten wirst.
Triff jemanden, der dir beruflich überhaupt nichts bringt.
Die vielleicht radikalste Frage lautet:
Muss wirklich jede Stunde deines Lebens Rendite erwirtschaften?
4. Miss nicht alles, was dir wichtig ist
10.000 Schritte. 87 Punkte Schlafqualität. 42 Minuten Tiefschlaf. 23 Prozent Körperfett. 68 Prozent Produktivität.
Zahlen können unglaublich hilfreich sein. Das Problem entsteht, wenn wir anfangen, die Zahl mit der Erfahrung zu verwechseln.
Du kannst laut Smartwatch hervorragend geschlafen haben und dich trotzdem erschöpft fühlen.
Du kannst ein Trainingsziel erreichen und trotzdem keine Freude mehr am Sport haben.
Du kannst einen hervorragend bezahlten Job haben und jeden Sonntagabend Bauchschmerzen bekommen.
Das Gehirn kennt einen wichtigen Unterschied zwischen etwas wollen und etwas genießen.
Wir können immer stärker einem Ziel hinterherlaufen, ohne entsprechend mehr Befriedigung daraus zu ziehen.
Genau deshalb kann eine vollständig vermessene Lebensweise paradoxerweise dazu führen, dass wir unsere eigene Erfahrung weniger ernst nehmen.
Die praktische Regel lautet:
Benutze Zahlen als Information, nicht als Urteil über dein Leben.
Frag nach dem Lauf nicht nur:
„Wie schnell war ich?“
Frag auch:
„Wie war es eigentlich?“
5. Pflege Beziehungen, in denen du nichts leisten musst
Vielleicht ist dies der wichtigste Gegenentwurf zu einer Kultur permanenter Bewertung.
Beruflicher Status.
Einkommen.
Aussehen.
Bildung.
Likes.
Reichweite.
Fitness.
Schlagfertigkeit.
Interessantheit.
Wir bewegen uns durch immer mehr Situationen, in denen wir bewertet werden – oder zumindest glauben, bewertet zu werden.
Natürliche Verbindungen sind von Natur aus bereits vollständig.
Umso wertvoller sind Beziehungen, in denen wir für eine Weile nichts beweisen müssen.
Die Forschung zur sozialen Verbundenheit ist inzwischen umfangreich. Soziale Beziehungen hängen nicht nur mit subjektivem Wohlbefinden zusammen, sondern auch mit psychischer und körperlicher Gesundheit.
Die praktische Konsequenz ist erstaunlich unspektakulär:
Ruf jemanden an.
Iss gemeinsam.
Geh spazieren.
Sitz zusammen.
Frag nach.
Hör zu.
Nicht jedes Treffen braucht ein Event zu sein.
Und vielleicht ist eine der wertvollsten sozialen Erfahrungen überhaupt die Beziehung, in der niemand versucht, seinen Marktwert zu erhöhen.
6. Gib deiner Aufmerksamkeit bildschirmfreie Inseln
Du liest einen Text.
Ping.
Das neue “Fenster zur Welt”. Nur zu welcher Welt genau?!
Eine Nachricht.
Zurück zum Text.
Noch drei Zeilen.
E-Mail.
Zurück.
Kurz Instagram.
Zurück.
Wir nennen das gerne Multitasking. Tatsächlich muss unser kognitives System dabei immer wieder Aufmerksamkeit verschieben und anschließend rekonstruieren, wo wir gerade waren.
Unterbrechungsforschung zeigt, dass solche Wechsel Leistung beeinträchtigen können. Wer ständig zwischen Aufgaben und Reizen springt, muss immer wieder mentale Anlaufkosten bezahlen.
Das Entscheidende ist aber nicht nur Produktivität.
Unsere Aufmerksamkeit bestimmt zu einem erheblichen Teil, was für uns überhaupt Wirklichkeit wird.
Wenn wir einem Gespräch nur halb zuhören, haben wir auch nur ein halbes Gespräch.
Wenn wir beim Essen Nachrichten lesen, schmecken wir weniger bewusst.
Wenn wir einen Sonnenuntergang hauptsächlich fotografieren, erleben wir teilweise bereits seine spätere Darstellung.
Du brauchst deshalb keinen radikalen Digital Detox.
Viel einfacher:
Schaffe jeden Tag einige Situationen, in denen dein Gehirn nicht damit rechnen muss, jeden Moment unterbrochen zu werden.
Eine Mahlzeit ohne Smartphone.
Ein Spaziergang ohne Kopfhörer.
30 Minuten Arbeit ohne Benachrichtigungen.
Ein Gespräch, bei dem das Telefon nicht auf dem Tisch liegt.
Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource.
Aber sie ist noch mehr als das:
Worauf du aufmerksam bist, daraus besteht ein großer Teil deines Lebens.
7. Frage nicht nur „Wie?“, sondern auch „Wozu?“
Unsere Kultur liebt die Frage:
Wie werde ich effizienter?
Wie arbeite ich schneller?
Wie werde ich fitter?
Wie bekomme ich mehr Follower?
„Wer ein “Warum” zum leben hat, erträgt was jedes “Wie”. – Friedrich Nietzsche
Wie verdiene ich mehr?
Das Problem ist:
Man kann unglaublich effizient auf das falsche Ziel zulaufen.
Die Motivationspsychologie zeigt seit Jahrzehnten, dass Menschen nicht ausschließlich durch äußere Belohnungen angetrieben werden. Besonders wichtig sind Erfahrungen von Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit.
Deshalb lohnt sich eine ungewöhnliche Frage:
„Warum möchte ich dieses Ziel eigentlich erreichen?“
Und danach noch einmal:
„Und warum ist mir das wichtig?“
Manchmal entdeckt man dabei, dass hinter dem Wunsch nach mehr Geld eigentlich Sicherheit steckt.
Hinter Fitness steckt Vitalität.
Hinter beruflichem Erfolg Anerkennung.
Und hinter endloser Selbstoptimierung manchmal die Hoffnung, irgendwann endlich „gut genug“ zu sein.
Wer den eigentlichen Zweck erkennt, merkt manchmal, dass er jahrelang das Mittel optimiert hat, ohne das Ziel noch zu überprüfen.
8. Sieh den Menschen – nicht nur seine Kategorie
Unser Gehirn liebt Kategorien.
Alt oder jung.
Freund oder Gegner.
„Denken ist schwer, deshalb urteilen die meisten.” – C. G. Jung
Erfolgreich oder erfolglos.
politisch rechts oder links.
Akademiker oder Arbeiter.
Das ist keine moralische Schwäche. Kategorisierung spart Gehirnarbeit.
Das Problem ist, dass ein Mensch immer wesentlich komplexer ist als die Kategorie, in die wir ihn stecken.
Die Forschung zur sozialen Wahrnehmung unterscheidet deshalb zwischen dem Einordnen eines Menschen in eine Gruppe und der Individuation: Wir beginnen, den konkreten Menschen mit seinen persönlichen Eigenschaften wahrzunehmen.
Kategorien sind unvermeidlich.
Aber wir können bemerken, wann sie beginnen, unsere Wahrnehmung zu ersetzen.
Eine einfache Übung:
Wenn du merkst, dass du jemanden innerlich bereits etikettiert hast, frage dich:
„Was weiß ich über diesen konkreten Menschen, das nicht in meine Schublade passt?“
Das zwingt das Denken aus dem Autopiloten.
Und gerade in einer Zeit politischer und sozialer Polarisierung könnte diese Fähigkeit wichtiger sein, als sie zunächst klingt.
9. Frage manchmal: „Warum machen wir das eigentlich so?“
Gehirne lieben Routinen.
Das ist sinnvoll. Wir könnten keinen normalen Tag bewältigen, wenn jede Handlung jedes Mal vollkommen neu durchdacht werden müsste.
Aber genau diese Stärke hat eine Schattenseite:
Was häufig genug wiederholt wird, kann selbstverständlich erscheinen.
Das gilt für persönliche Routinen genauso wie für Unternehmen, Behörden und ganze Gesellschaften.
Dann tun wir Dinge irgendwann nicht mehr, weil sie sinnvoll sind, sondern weil sie eben so gemacht werden.
“Normal” ist kulturabhängig.
Stell deshalb gelegentlich drei Fragen:
Was sollte diese Regel ursprünglich erreichen?
Erreicht sie das heute noch?
Oder dient inzwischen der Mensch der Regel statt die Regel dem Menschen?
Das funktioniert im Beruf genauso wie privat.
Vielleicht brauchst du das Meeting nicht.
Vielleicht brauchst du deine morgendliche Routine nicht exakt so.
Vielleicht ist ein Ziel, das du seit fünf Jahren verfolgst, längst nicht mehr dein Ziel.
Flexibilität heißt nicht, ständig alles infrage zu stellen.
Sie bedeutet, zu merken, wenn die Landkarte nicht mehr zur Landschaft passt.
10. Geh in die Natur – aber mach kein Projekt daraus
Auch Natur lässt sich optimieren.
7,4 Kilometer Wanderung.
620 Höhenmeter.
Durchschnittspuls 126.
17 Fotos.
Ein Post.
Eigentlich warst du die ganze Zeit draußen – und trotzdem hauptsächlich mit Zahlen, Navigation und Darstellung beschäftigt.
Rund 96 Prozent unserer Evolutionsgeschichte verbrachten wir als Jäger und Sammler in direktem Kontakt mit ihrer natürlichen Umwelt.
Es gibt inzwischen umfangreiche Forschung zum Kontakt mit natürlichen Umgebungen. Insgesamt sprechen Studien dafür, dass Naturerleben besonders Stimmung und Wohlbefinden positiv beeinflussen kann. Bei Stressreduktion und kognitiven Verbesserungen sind die Befunde weniger eindeutig, als populäre Darstellungen manchmal suggerieren.
Das Schöne daran:
Du musst daraus kein „Waldbaden-Protokoll“ machen.
Geh einfach raus.
Und lass gelegentlich das Tracking aus.
Sieh, was da ist.
Hör Geräusche.
Beobachte Bewegung.
Spüre Temperatur und Wind.
Vielleicht besteht ein Teil der Wirkung gerade darin, dass deine Aufmerksamkeit für eine Weile nicht ausschließlich auf Aufgaben gerichtet ist.
Vielleicht brauchen wir nicht noch mehr Selbstoptimierung
Der Psychologe und Sozialphilosoph Erich Fromm schrieb schon im 20. Jahrhundert darüber, dass der moderne Mensch Gefahr läuft, sich selbst wie eine Ware zu betrachten. Iain McGilchrist beschreibt aus einer ganz anderen Perspektive eine Kultur, die Analyse, Kontrolle, Abstraktion und Messbarkeit besonders stark bevorzugt.
Man muss weder Fromm noch McGilchrist folgen, um etwas Praktisches aus diesem Gedanken mitzunehmen.
Unser analytisches Denken ist nicht der Feind.
Smartphones sind nicht der Feind.
Zahlen sind nicht der Feind.
Effizienz ist nicht der Feind.
Und auch Gewissheit ist nicht der Feind.
Das Problem entsteht, wenn aus Werkzeugen absolute Maßstäbe werden.
Wenn wir die Zahl für die Wirklichkeit halten.
Die Kategorie für den Menschen.
Das Profil für die Person.
Die Karriere für das Leben.
Und unsere gegenwärtige Meinung für eine Wahrheit, die nicht mehr korrigiert werden darf.
Vielleicht besteht psychische und geistige Balance deshalb nicht darin, noch effizienter zu werden.
Sondern darin, regelmäßig zwischen verschiedenen Modi wechseln zu können:
zwischen Analysieren und Wahrnehmen,
zwischen Wissen und Nichtwissen,
zwischen Überzeugung und Zweifel,
zwischen Planen und Erleben,
zwischen Leisten und Spielen,
zwischen Kategorisieren und Begegnen,
zwischen Kontrollieren und Zulassen.
Oder noch einfacher:
Tu Dinge, die keinen Zweck erfüllen müssen.
Sei bereit zu sagen: „Ich weiß es nicht.“
Und noch wichtiger: „Ich habe mich geirrt.“
Behandle dich nicht wie ein Unternehmen.
Verwechsle Messbarkeit nicht mit Bedeutung.
Und optimiere dein Leben nicht so lange, bis du vergessen hast, es zu erleben.